Biotope, Industriekultur und Geschichte: Spaziergang in Rummelsburg

Ich starte meinen Ausflug am Paul-und-Paula-Ufer mit Blick über die Rummelsburger Bucht mit ihren unzähligen kleinen Hausbooten und der „Liebesbank”. Die eigentlich unscheinbare Sitzgelegenheit diente einst als Kulisse für eine Liebesszene in dem DDR-Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula”. Zur Einweihung des Ufers saßen am 1. Mai 1998 die Hauptdarsteller Angelica Domröse und Winfried Glatzeder erneut auf eben dieser Bank. 

Liebesbank in der Rummelsburger Bucht

Nur wenige Schritte weiter bildet die Erlebnisbar RummelsBucht mit ihrem selbst gezimmerten Außenbereich eine alternative Oase, wo ihr entspannt etwas essen oder trinken könnt. Leider müsst ihr euch vermutlich noch diesen Sommer zu einem Besuch entschließen, denn der Kulturbiergarten muss voraussichtlich im Herbst einem umstrittenen Großprojekt weichen. Zwischen See und Ostkreuz wird demnächst auf der dortigen Brache ein riesiges Aquarium entstehen – das Coral World.

RummelsBucht

Schräg gegenüber vermietet das „Ahoi Ostkreuz” Kajaks und fröhlich bunte Tretboote mit denen ihr gemütlich über die Rummelsburger Bucht schippern und euch die Hausbootburgen von näherem ansehen könnt. Das berühmte pinke Flamingo-Boot gibt es übrigens leider nicht mehr.

Ahoi Ostkreuz

Von der Zillepromenade zu den Knabenhäusern

Nach dem noch alternativen Teil gelangt ihr auf die Zillepromenade, die ihr mit Blick auf die Halbinsel Stralau und den dortigen Palmkernölspeicher direkt am Wasser entlang spaziert. Hinter dem Bootsclub Rummelsburg e.V. endet die Uferpromenade und der für meinen Geschmack deutlich schönere Teil der Strecke beginnt, auch wenn ihr dann erstmal keine Aussicht auf das Wasser mehr habt. Hier befinden sich fast urwaldähnliche Uferbiotope, die vielen Tierarten Schutz und Lebensraum bieten. Während ihr im Schatten der hohen Bäume weiter schlendert begleiten euch lautes Vogelgezwitscher und Froschkonzerte. 

Blick von Rummelsburg auf den Palmkernölspeicher

Ein Schild markiert die erste historische Sehenswürdigkeit des Ausflugs – die Knabenhäuser des Friedrichs-Waisenhauses. Die Anlage entstand in den Jahren 1854 bis 1859 und diente der Unterbringung von bis zu 500 Kindern. Das Areal bestand aus zahlreichen Gebäuden, allerdings wurden die meisten 1943-1944 zerstört. Die beiden erhalten gebliebenen Bauten wurden zunächst bis 1953 weiter als Waisenhaus und später unter anderem als Kaserne genutzt. 2004 erfolgten dann die Sanierung und die Umwandlung in Wohnhäuser. 

Direkt südlich der Knabenhäuser sorgt der 24-Stunden-Anleger für einen öffentlichen Zugang zum Wasser. Die kleine Liegewiese eignet sich perfekt für eine erholsame Pause mit Blick auf die Bucht. Nebenan geht dann das Uferbiotop weiter – übrigens ist hier nicht nur das Röhricht als geschützter Lebensraum für Tiere vorhanden. Links von euch wurden in Zusammenarbeit mit dem Projekt „Berlin blüht auf” etliche Wiesen mit Wildblumen für Bienen und andere Insekten angelegt.

Bienenwiese in Rummelsburg

Wenn ihr am Gedenkort Rummelsburg angekommen seid, empfehle ich euch erstmal auf die Aussichtsplattform zu steigen, die direkt über dem Schilf bis ans Wasser reicht. Von dort seht ihr die kleine Liebesinsel, auf der sich bis zum Zweiten Weltkrieg ein Ausflugslokal befand, das Event- und Restaurantschiff Gode Wind sowie am Horizont das Riesenrad des ehemaligen Spreeparks.

Rummelsburger Bucht mit Gode Wind

Der Gedenkort Rummelsburg – vom Gefängnis zur Wohnidylle

Wer nicht nur einen Rundgang über das Areal machen, sondern auch detaillierte Infos zur Geschichte des Ortes möchte, dem kann ich die App „Gedenkort Rummelsburg” empfehlen. Vor Ort könnt ihr einfach den QR-Code scannen und euch für die Besichtigung 1 bis 2 Stunden Zeit nehmen. Es gibt einen Audioguide, der euch über das Gelände führt, Biografien von Insassen, Zeitzeugen-Videos, Vorher-Nachher-Bilder und einiges mehr. 

Aber auch wer kein Smartphone dabei hat kann in der 2015 eröffneten Open-Air-Ausstellung einiges über den Ort und viele seiner ehemaligen Häftlinge erfahren. Hierfür wurden etliche Stelen aufgestellt, die über Geschichte und Schicksale berichten. 

1879 wurde die Anlage von der Stadt Berlin eröffnet. Zunächst wurden hier überwiegend Obdachlose, Bettler und Prostituierte untergebracht und zur Arbeit auf Feldern oder in einer Tretmühle gezwungen. Zwischen 1933 und 1945 befand sich hier eine kommunale Sammelanstaltalt für sogenannte “Asoziale” und auch Euthanasiemorde wurden hier durchgeführt. In der DDR wurden die Gebäude dann als Männergefängnis genutzt, in dem auch viele politische Häftlinge einsaßen. Zu den berühmtesten Insassen gehören übrigens Erich Honecker und Stasichef Erich Mielke.

Gedenkort Rummelsburg mit Lazarett

Wenn man heute hier entlang läuft kann man sich die Schrecken, die dieser Ort erlebt hat, kaum noch vorstellen. Die ehemaligen Zellentrakte wurden vor einigen Jahren zu Wohnhäusern umgebaut. Sie ergeben mit ihrem hellen Backstein und den dunkelbraunen Fenstern ein einheitliches Bild, das vor allem durch die nachträglich angebrachten und liebevoll gestalteten Balkone und Vorgärten richtig idyllisch wirkt. 

Wohnhäuser Gedenkort Rummelsburg
Vorgarten Gedenkort Rummelsburg

Am nächsten am Wasser hin gelegen ist das einstige Krankenhaus der Haftanstalt. Hier betrieben die Besitzer bis 2018 ein kleines Hotel. Dort konnten Gäste in ehemaligen Zellen auf 2 x 4 Metern übernachten. „Das andere Haus VIII” wurde leider aus Altersgründen geschlossen, auf der Homepage des Hotels könnt ihr aber noch Bilder der Innengestaltung sehen. 

Das andere Haus VIII

Habt ihr die Gedenkstätte passiert seid ihr fast am Ende des Spazierganges angekommen. Zum hier vor Anker liegenden Bar- und Eventschiff Gode Wind, das vor seiner Nutzung als Hauptstadtkogge als Kulisse für eine Störtebeker-Produktion diente, hat man außerhalb der Öffnungszeiten leider keinen Zugang. Einen Blick auf seine Masten und Segel könnt ihr allerdings erhaschen oder ihr mietet ein Tretboot und schippert direkt daran vorbei.

Gode Wind vom Wasser aus
Restaurantschiff Gode Wind

Wer sportlich ambitioniert ist, der geht hier in der Boulderhalle Ostbloc noch eine Runde klettern bevor er den Rückweg antritt. 

Auf den Spuren der Industriekultur

Solltet ihr euch für Industriekultur interessieren, dann lest euch die Infotafel des Historischen Lehrpfades in der Rummelsburger Bucht durch. Dort erfahrt ihr Spannendes über den dortigen Industriepark Klingenberg von dem noch mehrere Gebäude erhalten sind und unter Denkmalschutz stehen. Hier wurde übrigens Modegeschichte geschrieben: 1938 erfand Paul Schlack in der Anlage Perlon, das auch als Nazi-Nylon gilt. Das Konkurrenzprodukt zur amerikanischen Variante wurde nämlich zunächst nicht für Damenstrümpfe, sondern für Fallschirme, Hochdruckschläuche für Flugzeugreifen und andere Produkte für die Wehrmacht verwendet. Erst in den frühen 50er Jahren hielt der schwitzige Stoff Einzug in die damalige Kleidungsproduktion. 

Industriepark Klingenberg in Rummelsburg

Am Rand des Geländes befand sich früher das Städtische Flußbad Lichtenberg – neben dem Strandbad Wannsee eines der damals größten Berlins. An dem großen Sandstrand tummelten sich zwischen 1927 und 1950 wohl bis zu 10.000 Gäste pro Tag. Ich wünschte, das gäbe es noch. Ins Wasser würde ich hier sicher nicht gehen, aber am Strand liegen wäre jetzt ein schöner Abschluss.

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