Lost im Grunewald

Es war als Rundumschlag durch den Grunewald geplant, mit allem Drum und Dran. Von der Aussicht vom Grunewaldturm über Schwanenwerder bis zum Strandbad Wannsee – aber es kam anders. Ich konnte meine Freundin Kate glücklicherweise gleich für den Trip begeistern, denn sie wollte schon immer mal den Waldfriedhof sehen, wo die legendäre Velvet-Underground-Sängerin Nico begraben liegt. Ich hatte noch nie von dem Ort gehört und war sofort dabei – eine Station mehr, warum nicht? 

Vom Schildhorn ins Dickicht

Wir trafen uns an der Ringbahn und nahmen ab Messe Nord/ICC den „historischen Omnibus“. Die Ausflugslinie 218 führt von dort entlang zahlreicher Sehenswürdigkeiten und Einkehrmöglichkeiten bis hin zur Pfaueninsel – aber Achtung: unter der Woche fährt die Linie nur einmal die Stunde. Wir stiegen an der Haltestelle „Schildhorn” aus und liefen erstmal blauäugig drauflos. Vorbei an einem abenteuerlichen Waldspielplatz kommt dort dann auch schon das Wasser in Sicht. Eigentlich dachten wir, dass wir hier direkt ein wegweisendes Friedhofsschild sehen würden, stattdessen zeigt ein Wegmarke an, dass sich hier in der Nähe das Jaczo-Denkmal befindet. 

Wegweiser Jaczo-Denkmal

Wir fragten eine nette Dame auf einer Bank nach dem Weg. Sie überlegte ziemlich lange und meinte, dass sie dort auch schon immer einmal hinwollte. Fast will ich sie einladen mitzukommen, konnte ja nicht weit sein. Wir folgen also ihrer Beschreibung, aber nach etwa einer halben Stunde wurden wir skeptisch. Im Empfinden zweier Großstädter waren wir schon lange unterwegs und außer dem Förster im Auto hatte niemand mehr unseren Weg gekreuzt. Da freuten wir uns richtig über die 4 Radfahrer, die uns entgegen kamen. Der Mann lachte als wir sagten, dass wir schon ewig laufen und niemandem begegnet sind. Am Wochenende soll es hier anders aussehen. Das Grüppchen war auch noch nie auf dem Friedhof, aber die Richtung schien noch zu stimmen. Als wir nach einer Weile auf die Havelchausse trafen, zeigte uns ein verwittertes und kaum lesbares Schild den Weg zum Friedhof. Wir staunten nicht schlecht, denn direkt an dem Schild ist die nächste Haltestelle der Linie 218: “Havelweg”. 

Wegweiser Waldfriedhof Grunewald

Wir liefen weiter und kamen an verschiedenen Gabelungen noch an zwei weiteren Wegweisern vorbei. An der entscheidenden Stelle war allerdings keines – oder wir haben einfach zu viel gequatscht und eine falsche Abzweigung genommen. Die Wege wurden immer kleiner, teilweise waren es nur noch Trampelpfade, die von Spuren ganzer Wildschweinrotten gesäumt wurden.

Etwas unheimlich und vermutlich kam Kate darum auf den Film „Friedhof der Kuscheltiere”. Wir gehören zur Generation Stephen King, die viel zu früh schaudernd vor den Filmen saß und einzelne Szenen wohl einfach nie wieder vergessen wird. Wir erzählten von unseren Horror-Erfahrungen und ich meinte: “Stell dir vor, dahinten an dem Pfad würde ein Clown mit rotem Ballon stehen”. Bam! “Oh Gott, WARUM sagst du sowas?”. Wir versuchten auf andere Gedanken zu kommen und bewunderten die schönen Blumen am Wegesrand.

Fingerhut im Grunewald

Irgendwann war endgültig klar – wir sind auf keinen Fall richtig. Wir gingen zurück zur letzten Weggabelung und nahmen einen anderen Pfad … dann entschlossen wir uns, dass wir umkehren. Inzwischen liefen wir schon weit über 2 Stunden und auch wenn es unglaubwürdig klingt: direkt als ich sagte “ok, geben wir auf” sah ich im Dickicht ein Stück Mauer dem wir folgten bis wir tatsächlich am leicht verwitterten Eingangstor des Friedhofs standen. 

Die Tür knarrte laut beim Öffnen und dann hatten wir es doch noch geschafft. Das Areal ist klein, nur etwa hundert Gräber befinden sich hier. Keine wöchentlich gepflegten Gräber, alles ist überwuchert und wie in einem märchenhaften Dornröschenschlaf. Viele Gräber stammen aus dem Jahr 1945, nur wenige sind neueren Datums. Ich blieb lange an dem kleinen Grab eines Sternenkindes stehen. Nicht nur den kleinen Stein zieren lauter Sterne, auch aus der Erde drumherum ragen Stangen mit Sternen heraus. Mir steckte ein dicker Kloß im Hals. Dann machten wir uns auf die Suche nach dem Promigrab des Friedhofs, das wir in der drittletzten Reihe fanden. Ein regelrechter Schrein wurde für die Ikone Nico alias Christa Päffgen dort errichtet. Fotos, Sonnenbrille, Schmuck und Briefe haben die Fans der Ikone mit der wechselvollen Geschichte dort für sie abgelegt. In dem Metallkorb, in dem sich auf anderen Friedhöfen verwelkte Blumen stapeln sahen wir eine einsame Sektflaschen auf dem Boden stehen. Wir waren offensichtlich nicht die einzigen, die ihr über 30 Jahre nach ihrem Tod noch einen Besuch abstatteten.

Auch wenn ihr in anderen Blogs und Zeitungsartikeln Fotos finden könnt, ich verzichte lieber darauf. Eine Veröffentlichung wird durch die Friedhofsordnung untersagt und irgendwie gehört es auch nicht ins Internet.

Die Geschichte des Friedhofs Grunewald-Forst

Der Ort hatte mich nachhaltig fasziniert und zu Hause saugte ich sämtliche Infos darüber gebannt auf. Errichtet wurde er im 19. Jahrhundert als Selbstmörderfriedhof. Unglückliche, die sich in der Havel ertränkt hatten, wurden häufig an einer kleinen Bucht am Schildhorn angetrieben. Sie durften damals nicht auf geweihtem Boden beerdigt werden und die Forstverwaltung musste sich um das „Problem” kümmern. 1878 legte diese dann den Friedhof an, der sich schnell herumsprach und auch aus der nahen Stadt brachten Menschen ihre „Todsünder” für ihre letzte Ruhe hierher. Um ihrer Familie den Aufwand und die Schande zu ersparen brachten sich in den Folgejahren wohl auch viele direkt in der Nähe des Friedhofs um. Schwangere Dienstmädchen sollen ebenso hier bestattet worden sein wie fünf zarentreue Russen, die sich nach der Revolution in der Havel ertränkten. 

Obwohl es wirklich schaurig klingt, war der Friedhof deutschlandweit wohl lange Zeit der einzige, der Selbstmördern und namenlosen Toten ein würdiges Begräbnis ermöglichte und das allein macht ihn zu etwas Besonderem. Seit 1920 dürfen auch kirchenunabhängige Friedhöfe betrieben werden und das Fleckchen im Grunewald wurde mit einer Mauer versehen und ab 1927 auch für andere Verstorbene genutzt. Allerdings war er zunächst nicht sehr beliebt – vermutlich war es genau die tragische Geschichte, die Nico dazu veranlasst hat, diesen Ort für sich und ihre Mutter auszuwählen. 2018 wurden hier die letzten 3 Bestattungen durchgeführt und es ist geplant, dass der Ort 20 Jahre später eingeebnet werden soll. Nach jetzigem Stand habt ihr also noch bis 2038 Zeit für einen Besuch

Waldfriedhof Grunewald

Vom Friedhof zum Grunewaldturm

Zurück an der Straße hatten wir den Bus gerade verpasst und liefen von Hunger getrieben weiter bis zum Grunewaldturm.

Den Aufstieg auf die Aussichtsplattform sparten wir uns. Das Handy zeigte inzwischen einen 12-Kilometermarsch an und da schmeckten die Brezel und der Kartoffelsalat trotz Touripreisen einfach himmlisch! Der Biergarten war fast leer und wir hingen noch ein bisschen unserer verrückten Tour nach – den Turm und den ganzen Rest machen wir dann beim nächsten Mal. Ein unerwartetes Abenteuer ist doch eigentlich eh immer das beste.

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