Skandal im Grunewald oder die Kotze-Affäre

Ich wollte ein bisschen über das Jagdschloss Grunewald recherchieren und die nächsten Tage mal hinfahren. Obwohl ich eigentlich noch unsicher war, denn eine Gemäldesammlung und ein Jagdmuseum – eigentlich beides nicht wirklich nach meinem Geschmack. Aber dann stolperte ich über einen höfischen Skandal und suchte weiter. Ich stieß auf etliche Zeitungsartikel mit vielversprechenden Titeln. Von „wilden Sex-Spielen”, „Gruppensex im Grunewald: Es begann mit einer Swingerparty”, „Sex-Skandal im Kaiserreich: Orgie im Jagdschloss Grunewald” oder auch einer „Rudelei” war da die Rede. Mein Interesse war geweckt, ich las immer weiter und tauchte amüsiert und fasziniert ein in die Kotze-Affäre von 1891

Jagd- oder Lustschloss?

Klar, jetzt wollt ihr wissen, was da los war. Aber erstmal noch ein paar seriöse Infos! Berlins ältester Schlossbau wurde ab 1542 von Kurfürst Joachim II. von Brandenburg für Jagdaufenthalte in Auftrag gegeben und hieß erstmal „Zum grünen Wald”. Friedrich I. ließ Anfang des 18. Jahrhunderts einige Umbauten vornehmen und barocke Stilelemente ergänzen. Die gesamte Anlage umfasst neben dem Schloss auch noch einige Neben- und Wirtschaftsgebäude. 

Eingangstor Jagdschloss Grunewald
Nebengebäude Jagdschloss Grunewald

Höfische Orgie mit Folgen

Charlotte von Sachsen-Meiningen, die Schwester des Kaisers, hatte eine illustre Gesellschaft zu einer Schlittenfahrt durch den Grunewald mit anschließender Party im Jagdschloss eingeladen. Unter den Feiernden waren neben der Gastgeberin etliche Mitglieder der Herrscherfamilie und andere Adlige. Wohl enthemmt von Punsch kam es dann zu einer ausschweifenden Nacht, in der alles erlaubt war – auch Praktiken, die damals unter Strafe standen. Erstmal eigentlich nicht so schockierend und wer weiß, ob nicht viele Feiern in abgelegenen Herrensitzen so endeten. Allerdings verschickte daraufhin ein anonymer Verfasser schlüpfrige Frühstückspost – quasi auf dem Silbertablett erhielten die TeilnehmerInnen einen Brief, in dem die Geschehnisse in allen pikanten Details geschildert und angeprangert wurden. Und der Absender war zudem besonders kreativ: er beklebte damals gängige pornografische Bildpostkarten mit den ausgeschnittenen Gesichtern der blaublütigen Swingerparty-Gäste. Zudem wurden noch selbstgemalte Bilder von Geschlechtsteilen dazugelegt – da hat sich jemand richtig Mühe gegeben, den Empfängern den Appetit zu verderben! Und da sich die preußischen Royals damals von ihren Angestellten die Post öffnen ließen, blieb das Ganze natürlich nicht lange geheim. Und es sollte auch nicht bei dieser einen Frühstückspost bleiben. Insgesamt wurden nach und nach über 200 solcher Briefe verschickt, in denen beispielsweise Sexualpartner hochwohlgeborener Damen genannt wurden. Heute lagern sie übrigens im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, aber ihr könnt auch Auszüge und Abbildungen in Büchern finden.

Bücher zum Sexskandal im Grunewald

Kein Ende und ein Toter

Als die Gerüchteküche unkontrollierbar überkochte, wurden die Briefe der Polizei übergeben. Man versuchte einen eher unbeliebten Gast der Swingerparty zum Sündenbock zu machen, den Hofzeremonienmeister mit dem schönen Namen Leberecht von Kotze. Der wurde festgenommen, es konnte ihm jedoch nichts nachgewiesen werden. Heutiger Forschungsstand ist ohnehin, dass der Verfasser wohl eher eine Frau war, denn ein Mann hätte wohl keine so detaillierten Darstellungen weiblicher Geschlechtsorgane anfertigen können. Damals wie heute als verdächtig gilt Herzogin Charlotte von Meiningen, allerdings wird sich der amüsante Skandal wohl nie aufklären lassen. Neben dem Gerede und der Häme hatte die lauschige Party auch noch tragische Folgen: Herr Kotze verlangte für seinen Rufmord nämlich Genugtuung und tötete im Duell einen seiner Beschuldiger, den Hofbeamten Freiherr Karl von Schrader. 

Besuch im Sündenpfuhl

Nachdem ich am Ende wirklich viel über das Schloss, die Party und die ganze Affäre gelesen hatte, wollte ich natürlich hinfahren. Ein etwa 1 Kilometer langer Waldweg führt euch von der Bushaltestelle Clayallee/ Ecke Königin Luise Straße direkt zu dem Anwesen, das idyllisch am Grunewaldsee liegt. Erwartet aber nichts Pompöses, man sieht der Anlage an, dass sie tatsächlich mal als Jagdschloss gedacht war. 

Jagdschloss Grunewald

Drinnen war ich die einzige Besucherin, leider befindet sich dort kein einziges Möbelstück mehr. Die Räume sind komplett saniert und präsentieren etwas steril die Cranach-Ausstellung. Da ich ohnehin von der Mitarbeiterin quasi begleitet wurde, fragte ich mal nach: vermutlich war das Schloss aufgrund der Kälte und Feuchtigkeit nie dauerhaft möbliert und es ist auch nichts erhalten. Schade, da muss man seine Fantasie schon echt anstrengen, um sich dort einen fröhlichen Winterabend mit Orgie vorzustellen.

Treppenhaus Jagdschloss Grunewald

Ich steige die Wendeltreppe ziemlich schnell wieder runter und werde dort mit ungläubigen Blicken empfangen: „Schon fertig?”. Ich flüstere dem Angestellten am Eingang zu, dass ich mich gar nicht für Malerei interessiere. Kurz schnappt er hinter seiner Maske schockiert nach Luft, muss dann aber doch lachen. Dafür bekomme ich sogar noch ein kleines Kunstmuffel-Extra. Er kommt mit mir in die dem See zugewandten Räume im Erdgeschoss, zieht das Rollo hoch und öffnet unter sichtlicher Anstrengung das Fenster und das massive Gitter, damit ich die momentan gesperrte Terrasse und das Wasser fotografieren kann –  das ist doch mal ein Service!

Grunewaldsee und Schlossterrasse

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