Mulackritze, Orchestrion und Charlotte – das Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf

Ich lebe inzwischen 21 Jahre in Berlin und war nie in Versuchung gekommen, das Gründerzeitmuseum zu besuchen. Ein paar alte Möbel, ok, dafür fährt man ja nicht unbedingt bis Mahlsdorf, oder? Kürzlich stolperte ich allerdings bei Recherchen zu Überbleibseln aus den 20er Jahren auf die legendäre Künstler- und Schwulenkneipe „Mulackritze”, die von einer Charlotte von Mahlsdorf vor dem Abriss gerettet und im Keller des Museums originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Vielleicht würde es sich ja doch lohnen? Ich überzeugte meine Mutter von dem kleinen Ausflug und die Tram 62 brachte uns von Köpenick gemächlich ans Ziel.

Eingangstor Gründerzeitmuseum Berlin

Der historische Gutspark

Als wir ankamen, wurden wir erstmal in den Park geschickt, da sich bereits ein paar Gäste im Museum aufhielten. Wir machten also einen kleinen Spaziergang durch die Anlage, die nach historischem Vorbild in den 1990er Jahren wieder instand gesetzt wurde. Die knorrigen Obstbäumchen erinnerten mich irgendwie an den Garten meiner Großmutter. Kurz bevor wir wieder am Eingang waren, kamen wir an einem Denkmal vorbei.

Denkmal für Charlotte von Mahlsdorf

Ich staunte nicht schlecht, denn ich hatte vermutet, dass Charlotte von Mahlsdorf die adlige Gutsbesitzerin war – aber die tatsächliche Geschichte ist viel interessanter …

Das Museum – Reise in die Gründerzeit

Gründerzeitmuseum Berlin

Eine Mitarbeiterin begleitete uns durch die Räume und erzählte begeistert von der Gründerzeit, den Ausstellungsstücken und von der Entstehungsgeschichte der Sammlung. Wer denkt, dass hier nur ein paar alte Möbelstücke, Öfen und Nachttöpfe rumstehen, der irrt sich gewaltig. Für mich besonders faszinierend waren die vielen Musikautomaten, denen die Gründerin eine besondere Leidenschaft entgegenbrachte. Grammophone und Spieldosen kennt ja vermutlich jeder, aber wir bekamen auch Edison-Phonographen erklärt, selbstspielende Klaviere – Pianolas – vorgeführt und besonders beeindruckend: ich sah zum ersten Mal ein Orchestrion. Was zuerst einfach wie ein alter Schrank wirkt, ist tatsächlich ein mechanischer Musikautomat, der bei Münzeinwurf ein komplettes Orchester imitiert. Das Exponat, das noch funktioniert, stand wohl bis in die späten 50er Jahre in einem Ausflugslokal und spielte dort zum Tanz auf.

Charlotte von Mahlsdorf

Bei der Führung durch die Räume des Museums bekommt ihr viel über Charlotte erzählt, aber ich wollte unbedingt mehr wissen und kaufte mir ihre Autobiografie „Ich bin meine eigene Frau“, die ich in den nächsten 2 Tagen verschlang.

Autobiografie Charlotte von Mahlsdorf

1928 als Lothar geboren, fühlte sie sich schon als Kind wie ein Mädchen und litt unter dem brutalen Nazivater, der aus seinem Sohn gerne einen Soldaten machen wollte. Als ihr dieser 1944 mit dem Tod der Mutter drohte, erschlug Charlotte ihn mit einem massiven Küchenrührholz. Sie kam in Jugendhaft, doch als am 22. April die Rote Armee nach Tegel marschierte und Tiefflieger über das Dach des Gefängnisses donnerten, wurde sie kurzerhand vom Anstaltsleiter wegen guter Führung entlassen. In den Trümmern Berlins sammelte sie aus Ruinen Alltagsgegenstände, die den Bombenhagel überstanden hatten, und erweiterte ihre Sammlung, die sie schon als Kind im Haus des Großonkels begonnen hatte. Über das Gutshaus in Mahlsdorf, das sie ebenso wie das Schloss Friedrichsfelde vor dem Abriss bewahrte, schreibt sie: „Dieses Haus ist mein Schicksal. In höchster Not rief es mich, und ich war zur Stelle. Hier habe ich mir meinen Traum verwirklicht. Nicht nur den Traum vom eigenen Museum – es ist mehr als das, es ist mein Zuhause. Ich bin Museumsführer, Bewohner und Putzfrau in einem, und ich habe mich eingerichtet, wie eine Frau der bürgerlichen Mittelschicht sich um 1900 einrichtete“. Sie eröffnete ihr Lebenswerk zunächst in nur 2 Räumen am 1. August 1960.

Die Mulackritze – ein Stück Kulturgeschichte

1963 wurde Charlotte ins Scheunenviertel gerufen. Das Haus, in dem sich die berühmte Kneipe „Mulackritze“ befand, sollte abgerissen werden. Mit dem Handkarren schaffte sie die komplette Einrichtung nach Mahlsdorf, baute den legendären Laden im Souterrain originalgetreu wieder auf und bezeichnete ihn als „Prunkstück meiner Sammlung“. Viele Seiten und Anekdoten widmete sie in ihrem Buch diesem Stück Kulturgeschichte, das sie der Nachwelt erhalten hat: „Künstler, Schauspieler und Literaten zischten in den Zwanzigern hier ihre Molle, denn die Mulackritze war ein sogenannter doller Laden. Zwischen den Ganoven, Strichern und Nutten bewegte sich alles, was im Bohemien-Berlin von sich reden machte: Fritzy Massary, die Grande Dame der Berliner Bühnen, Claire Waldoff, Max Pallenberg, Bertold Brecht { … } und die göttliche Dietrich, damals noch eine pummelige, unbekannte Schauspielerin. { …} Heinrich Zille zeichnete sein Berliner „Milljöh“, das er im Scheunenviertel gefunden hatte, in der Mulackritze. Seine kleine Tochter wippte währenddessen auf dem Schoß irgendeiner Hure oder eines Zuhälters.“ Die Museumsmitarbeiterin erzählte uns, dass sie zwar keine Mittel haben, um dauerhaft einen Ausschank zu betreiben, aber der Zapfhahn funktioniere und zu besonderen Anlässen finden in Berlins ältester Zillekneipe noch Veranstaltungen statt.

Fazit

Ich bin wirklich froh über meine Neuentdeckung und kann euch einen Besuch nur ans Herz legen. Vielleicht lest ihr vorab Charlottes Buch. Mit ihrer Geschichte als Hintergrundwissen ist der Ausflug noch um einiges spannender.